Kopfrechnen in den Seealpen

Vorstellung und Umbaustories / Restaurierungen
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martin s aus b
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Kopfrechnen in den Seealpen

Beitrag von martin s aus b »

Motorrad-Jahrestour, Juni 2022. Ich wär gerne Richtung Thüringen, Sachsen, Meckpomm, Ostsee aber Stefan hat die Planungsmaxime ‚Kurven, Pässe und eine Stunde Baden im Mittelmeer‘ ausgegeben, also sind wir auf dem Weg durch die Seealpen nach Nizza.

174 km sagt Google Maps für die für heut Vormittag geplante Strecke nach Sospel wo unser nächster Campingplatz liegt, an. Das müsst eigentlich bis zum Mittag zu schaffen sein.


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Morgens um sechs kriechen wir, Stefan, Josef und ich, in Jausiers aus dem Zelt, Toilette, warme – es gibt noch keine Gasknappheit – Dusche, Zeltabbau, Gepäck verstauen, um kurz nach sieben Start, mit Triumph Tiger, Honda Varadero und Kawasaki Z 750 B auf zum Col de la Bonette.
https://alpenrouten.de/Bonette-Col-de-l ... int59.html
Kaum Verkehr, Sonne, trockene Straße, Kurven, Kurven, …, kurz vor acht stehen wir auf knapp 2.800 m ganz alleine oben, unterhalb des Gipfels am Gedenkstein, wo sich zwei Stunden später Motorradfahrer fürs Fotoshooting drängeln. Das obligatorische Foto …


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… und dann noch zu Fuß die letzten gut 50 Höhenmeter zum Panorama am Cime de la Bonette.



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Super Aussicht, der markante Gipfel ganz hinten in der Mitte des rechten Drittels ist mit einiger Wahrscheinlichkeit der Montblanc! Dann kommt noch dieser einsamer Radler und schleppt sein Fahrrad hoch zum Gipfel ...


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... ich möcht gar nicht drüber nachdenken wann der wohl heut früh gestartet ist.

Weiter gehts, gegen Neun ein leckeres Frühstück im malerischen Saint-Étienne-de-Tinée

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Obs in Saint-Étienne eine Tankstelle gegeben hätt weiß ich nicht, zuletzt vollgetankt, die Z 750 fährt aktuell mit dem 14l – Originaltank, hab ich 120 km zurück in Briancon. Ist also noch reichlich Sprit im Tank und wir fahren weiter, unsere Strecke wird, bevors ca. 25 km vor Nizza quer über Käffer und Höhen nach Sospel geht, sogar noch ein Stück vierspurig, da kommt sicher noch was.

Was nicht zutrifft. Bis wir dann dann 20 km vor Nizza von der dort tatsächlich Vierspurigen im Tal abfahren ...

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... Null Tankstelle, nicht zu glauben! Bis Sospel sinds jetzt noch gut 60 kurvige km...

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... ich hab bei km 195 auf Reserve geschaltet und derTageskilometer steht bei 210. Das wird spannend!

Das Navi sagt eine Tankstelle in L‘Escarène an

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Dort kommen wir nach einer Stunde und gut 40 Kilometern mit vielen Kurven an, die Tanke gibt’s nicht mehr.

Also weiter nach Sospel, ich weiß sicher daß es dort eine Tanke gibt weil ich da vor drei, vier Jahren höchstpersönlich mal getankt hab. Aber bis dahin sinds jetzt noch 23 km über den Col de Braus

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Und für den Fall, dass es bis dahin nicht reichen sollte zapfen wir, so der Notfallplan, mittels leerer Wasserflasche Sprit vom Tiger oder aus der Varadero.

In der Schule hatte ich immer gerne Mathe und war auch im Kopfrechnen nicht schlecht. Da rechne ich jetzt auch auf der Anfahrt zum Braus ein bißchen:
Die Kawa hat auf dieser Tour bisher ca 5.1 l auf 100 km genommen, 14 Liter passen in den Tank. 14 geteilt durch 5.1 oder, einfacher zu rechnen, 14 durch 5 minus 2% - die 2% sind das Delta von 0.1 auf 5 - gibt 280 abzüglich 2%, sechs Kilometer, bleiben 274 km Reichweite mit dieser Tankfüllung

Vielleicht und hoffentlich, das könnt grad so reichen!

Die Westauffahrt des Col de Braus ist herrlich zu fahren, liegt aber ohne ein einziges Schattenfleckchen voll in der Sonne. Sieht man auf dem Foto gar nicht so ...

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Hier möchte ich definitiv nicht anhalten müssen. Aber obwohl ich mehrmals das Gefühl hab, dass der Motor gleich stehen bleibt kommen wir schließlich oben an und fahren von da weiter, die letzten 11 km bis Sospel.

Fünf Kilometer hinter der Paßhöhe geht der Motor aus. Die restlichen sechs Kilometer geht’s bis in die Ortsmitte Sospel immer nur bergab, nicht ein einziger Zwischenanstieg auf dem man schieben müsste – Glück gehabt!
Ich roll da also im Leerlauf runter und überleg dabei krampfhaft obs eine Stelle im Getriebe geben könnt, die das Fahren ohne Ölversorgung übel nimmt – einen Getriebefresser hab ich in einer ähnlichen Situation mit einer XL 250 schon erlebt. Vorsichtshalber betätig ich so ca alle halbe Kilometer den Anlasser auf daß die Ölpumpe wenigstens ein bißchen Öl ins Getriebe schickt. Es klappt, in der Ortsmitte Sospel, direkt hinter der Caffée-Meile, rollen wir aus.

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Die Tankstelle? Hat vor zwei Jahren final geschlossen :D die nächste ist 30 km weiter in Nizza. Oder 20 weiter in Menton, das eine so unerreichbar wie das andere.

Also umfüllen. Aber wo es bei der Kawa gereicht hätte den Benzinschlauch am Hahn abzuziehen und die Flasche drunterzuhalten erweist sich das beim vollverschalten Tiger genau wie bei der Varadero, als ein Ding der Unmöglichkeit. Ohne das Motorrad halb zu zerlegen kein Beikommen, man bräucht ein Stück Benzinschlauch zum Absaugen. Haben wir natürlich nicht, aber der Schlauch steht, wir sind lernfähig, für zukünftige Touren jetzt mit auf der Packliste.

Es ist kurz vor eins, wir essen eine Kleinigkeit und beraten. Die Kawa stehen lassen, einen Teil des Gepäcks auf die beiden anderen und zum fünf Kilometer entfernten Campingplatz, einchecken, Zelte aufstellen und dann mit zwei Motorrädern ans Meer nach Menton, Baden, die beiden Motorräder Auftanken und Sprit für die Kawa mitbringen. Zumindest eine Option.

Josef schlägt vor dass wir die Ladenzeile abklappern, vielleicht gibt’s ja irgendwo einen Schlauch zum Umfüllen zu kaufen. Wir finden ein Haushaltswarengeschäft das vor einer halben Stunde zugemacht hat und um halb Fünf wieder öffnet. Mist!

Daneben eine Gasse mit einem Hinweisschild ‚Moto Repair‘. Der hat sicher Sprit.
20 m weiter am Ende der Gasse ein paar leere Ölkanister, zwei Motorradwracks und eine verschlossene Tür. Keine Klingel, keiner da. In einem der leeren Ölkanister könnt ich ja zumindest den Sprit aus Menton mitbringen. Ich zieh ihn unter einem der Wracks raus und denk, vielleicht schau ich da noch kurz in den Tank, da könnt ja …

:headbang: :headbang: :headbang:

Eine Stunde später haben wir die Zelte aufgestellt, die 2l Spendersprit reichen locker bis zur Tankstelle nach Menton wo die Kawa wieder volltankt. Und wo der Tiger in der Tanke die Hufe hochreisst, einfach ohne Strom stehenbleibt und sich folgerichtig weigert wieder anzuspringen. Und deshalb am nächsten Tag vom Abschlepper, der statt der Tiger zuerst die Uralt-Kawa :D aufladen will, hier …

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... zwischen einem ausgebauten Lkw-Motor und einem halbtoten Opel abgestellt wird.

Aber das ist eine andere Geschichte. Und zum Baden hats trotz der Tigerpanne doch noch gereicht.


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Schöne Männer am Strand


Martin
Zuletzt geändert von martin s aus b am Fr 17. Feb 2023, 21:41, insgesamt 21-mal geändert.
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bikeorslk
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Re: Kopfrechnen in den Seealpen

Beitrag von bikeorslk »

Ouh Martin,

... no Risk, no Fun...


Ich wäre ja vorher schon zwanzig Mal als totales Nervenbündel unfähig gewesen, konzentriert zu fahren, geschweige denn auch noch Kopfrechenaufgaben zu lösen.

Mal wieder schön, deine Erlebnisse, schmackhaft aufbereitet, mitverfolgen zu können. :headbang:

Bye

Carsten
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Bruder Lustich
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Re: Kopfrechnen in den Seealpen

Beitrag von Bruder Lustich »

Hallo Martin,

mir wird schwummrig, wenn ich an mein "Eselchen" mit seinem 11 Litertank denke.
Eine Benzin-Diaspora, wenn auch die Strecke wunderschön ist.

Danke fürs Posting. Ist immer schön wenn du uns an deinen Reisen teilhaben lässt.

Viele Grüße

Gerd
Erst wenn die letzte Ölplattform versenkt, die letzte Tankstelle geschlossen ist, werdet Ihr merken, dass man bei Greenpeace nachts kein Bier kaufen kann.

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martin s aus b
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Re: Kopfrechnen in den Seealpen

Beitrag von martin s aus b »

Bruder Lustich hat geschrieben: So 9. Okt 2022, 21:27... Benzin-Diaspora ...
Hallo Gerd,

in Isola sind wir offensichtlicht an einer, oder besser, der einzigen Tankstelle auf der Strecke vorbeigefahren, da muß der Tageskilometer bei ca 150 gestanden haben. Wieso ich da nicht getankt habe :( als eingefleischter 'Spättanker' hab ich offensichtlich damit gerechnet daß da sicher noch was kommt.

Nach diesem kleinen Abenteuer wundert mich aber immer noch daß die Bewohner der vielen kleinen Städtchen im Hinterland der Küste akzeptieren zum Tanken ihrer Pkws 30 oder 40 km über fizzelige Paßsträßchen zur nächsten Tanke zu fahren. Mit dem Motorrad ist das ja gelegentlich mal ok. Aber regelmäßig - ganz schön ätzend.

Gruß

Martin
Zuletzt geändert von martin s aus b am Di 11. Okt 2022, 11:01, insgesamt 2-mal geändert.
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rivera
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Re: Kopfrechnen in den Seealpen

Beitrag von rivera »

Sehr schöner Bericht. Da kommt mir einiges irgendwie bekannt vor.
Als wir zu zweit auf der K, Anno Dominae 1991 und beladen wie ein Maulesel unterwegs nach Mhamid/Marrokko waren, habe ich, mich in unendlicher Weisheit wähnend, einen 5-Liter Reservekanister mitgenommen, denn ich noch hinter dem Gepäckträger befestigt hatte. Schwerpunkttechnisch sehr ungünstig, aber die 5 Liter haben das zul. Gesamtgew. mit Sozia, Packtaschen und Gepäckrolle auch nicht mehr fetter gemacht, als es ohnehin schon war. Dennoch fuhr sich die Mühle sehr sicher. Den Ersatzkanister wollte ich allerdings erst in Marokko vollmachen, weil Deutschland is ja keine Wüste, gelle?
Die Route führte zuerst über kleine Eifel-Landstraßen (wir hatten uns 2 Monate Zeit für den Trip genommen). Etwa bei Kilometer 150 musste ich auf Reserve gehen. Als bei Km 170 immer noch keine Tanke auftauchte wurde ich langsam nervös. Bei Km 185 kam so etwas wie Verzweiflung auf und etwa etwa bei KM 200 kündigte diese eklige Ruckelei das Ende der Fahrt an. Laut Straßenkarte lag das nächste Dorf 5 Km entfernt. Also zu Fuß weiter in Lederkluft und Sonnenschein. Tatsächlich nahm mich auf dem Weg ein PKW-Fahrer auf, der mich zu einer Tanke und zurück fuhr und wir konnten unsere Fahrt fortsetzen.Wir kamen an dem Tag noch bis Dijon.
In der Wüste gab es im Übrigen nicht das geringste Problem mit der Spritversogung.
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